Breites Bündnis für den Wohlfahrtsstaat

von Asbjørn Wahl

Im September 1999 wurde in Norwegen ein breites Bündnis von Gewerkschaften gegründet, um den Kampf gegen Privatisierung, Deregulierung und Marktliberalismus zu stärken – für einen starken öffentlichen Sektor. Es wurde »Für den Wohlfahrtsstaat« genannt – die sechs beteiligten Gewerkschaften repräsentierten zusammen fast eine halbe Million Mitglieder (Norwegen hat 4,5 Mio. Einwohner). Ein Jahr später schlossen sich weitere 20 nationale Organisationen dem Bündnis an und verdoppelten die Zahl der Mitglieder nahezu.

Das Bündnis ist nicht mehr auf die Gewerkschaftsbewegung beschränkt. Unter den neu hinzugestoßenen finden wir Verbraucherorganisationen, Studentenorganisationen, eine Vereinigung von Ruheständlern, eine Gewerkschaft von Bauern und kleinen Grundbesitzern usw. Mit anderen Worten, eine breite Volksbewegung ist im Entstehen. Während die Gewerkschaften, von denen die Initiative ausging, alle den öffentlichen Sektor repräsentieren, haben im ersten Jahr der Kampagne mehrere Gewerkschaften aus dem privaten Sektor ihre Kräfte mit eingebracht.

In Norwegen gibt es drei nationale Gewerkschaftsbünde. Der Norwegische Gewerkschaftsbund (LO) ist der größte und hat traditionell eng mit der Sozialdemokratischen Partei zusammen gearbeitet. Der Bund der Berufsgewerkschaften (YS) ist sein Hauptkonkurrent und hat sich selbst als unabhängig von politischen Parteien erklärt. Er nennt sich neutral, steht in Wirklichkeit aber rechts vom LO, auch wenn er sich in den letzten Jahren politisiert hat und enger an den LO herangerückt ist. Der dritte ist der Bund der Akademiker- und Fachleute-Gewerkschaften in Norwegen (AF), der ein Kooperationsabkommen mit dem LO hat, das sich auf Bereiche außerhalb der Lohnpolitik bezieht.

Die drei Bünde, insbesondere der LO und der YS, haben mitunter in einer harten Konkurrenz zueinander gestanden, auch wenn sie während der letzten 20 Jahre weniger feindselig geworden sind. Das Bündnis »Für den Wohl­fahrts­staat« umfasst Gewerkschaften aus allen drei Bünden, das gibt ihm im Rahmen Norwegens historische Bedeutung.

Das Bündnis hat eine gemeinsame politische Plattform entwickelt, die alle Organisationen, die dem Bündnis beitreten wollen, unterstützen müssen. Der Steuerungsausschuss besteht aus den Präsidenten der sechs Gründungsgewerkschaften, die auch das eingerichtete Koordinierungsbüro mit einem Sekretär finanzieren, der für die Tagesaufgaben der Organisation verantwortlich ist (der Autor dieses Artikels). Es wurde ein Beirat eingerichtet, in dem alle Beteiligten einen Sitz haben. Weil die Anzahl der Beteiligten größer ist als erwartet worden war, wird die Struktur der Organisation und die Zusammensetzung des Steuerungsausschusses bereits überdacht.

Hintergrund
Der Wohlfahrtsstaat ist, wie die Arbeiterbewegung, in historischen Begriffen ein relativ junges Phänomen. Sie entwickelten sich beide mit der kapitalistischen Produktionsweise – als die Lohnarbeit zur vorherrschenden Form der Erwerbsarbeit wurde. Die kapitalistische Produktionsweise trennte die Arbeiter von ihren Produktionsmitteln, so­ dass sie nur noch ihre Arbeitskraft zu verkaufen hatten, um ihr Leben zu bestreiten. Das bedeutet, dass diejenigen, die aus verschiedenen Gründen und in verschiedenen Lebensabschnitten nicht an der Lohnarbeit teilnehmen konnten, ihr Einkommen verloren.

Als Antwort darauf begannen Arbeiter sich zu organisieren, u.a. um kollektive Kassen aufzubauen, die ihnen Unterstützung leisteten, wenn sie unfreiwillig erwerbslos waren. Diese Kassen waren die ersten Keimzellen eines Wohlfahrtssystems. Wohlfahrtseinrichtungen waren also eine Antwort auf die soziale Unsicherheit, die der Entwicklung der Lohnarbeit auf dem Arbeitsmarkt folgte. Wohlfahrtseinrichtungen entwickelten sich so in der ganzen westlichen industrialisierten Welt, wenn auch in unterschiedlichen Formen. Schrittweise griffen die Staaten ein und öffentliche Wohlfahrtssysteme wurden eingeführt, die gemeinsam durch Steuern finanziert wurden. Diese hatten zumeist die Form der bedürftigkeitsgeprüften Minimumabsicherung und entwickelten sich Seite an Seite mit privater Wohltätigkeit – beide sehr stark von paternalistischen Ideen beeinflusst.

Das begann, bevor die Arbeiterbewegung stark genug war, die staatliche Politik zu beeinflussen. Die ersten Reformen wurden meist gegen Ende des 19. Jahrhunderts von sozial-liberalen Politikern eingeleitet – aus zwei Gründen. Erstens weil die Ausbeutung der Arbeit so grausam war, dass die Einführung von Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften und sozialen Unterstützungen schon für die bloße Reproduktion von genügend Arbeitskräften für die rasch wachsende Industrie notwendig war. Zweitens rief die beginnende Organisation der Arbeiter in Gewerkschaften und politischen Organisationen Furcht vor Widerstand und Revolte hervor, die die herrschenden Klassen durch Wohlfahrtsinitiativen dämpfen wollten.

Das wirkliche Wachstum des Wohlfahrtsstaates begann jedoch, als die Arbeiterbewegung politischen Einfluss gewann und in einer Reihe von Ländern sozialdemokratische Parteien an die Regierung kamen – in Norwegen im Jahr 1935, aber überwiegend nach dem Zweiten Weltkrieg. Ideen auf der Grundlage von Solidarität und Menschenrechten gewannen schrittweise gegenüber Paternalismus und Wohltätigkeit die Überhand – insbesondere in den fortgeschrittensten Wohlfahrtsgesellschaften. In den vielen westeuropäischen Ländern überstieg der öffentliche Anteil am Bruttoinlandsprodukt 50%.

Das Niveau, zu dem öffentliche Dienste und Wohlfahrtssysteme sich entwickelt haben, ebenso wie die Wohlfahrtsmodelle, unterscheiden sich zwischen den verschiedenen Ländern beträchtlich. Wir können grob zwischen drei Wohlfahrtsmodellen unterscheiden:

1. das Markt- oder angelsächsische Modell (USA);
2. das erwerbsarbeitsbezogene oder kontinentaleuropäische Modell
   (Deutschland);
3. das universalistische oder nordische Modell (Skandinavien).

In vielfältiger Weise können wir sagen, dass das Niveau des Wohlfahrtsstaates ein Ergebnis der Stärke ist, die die Arbeiterbewegung im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft erringen kann. Von vielen wird das nordische Modell als die fortgeschrittenste Form eines solchen Wohlfahrtsstaates betrachtet.

Klassenkompromiss
In Norwegen wie in vielen anderen Ländern erreichte die Arbeiterbewegung eine Übereinkunft mit Kräften des Kapitals – eine Art friedliche Koexis­tenz zwischen Arbeit und Kapital. Der Kompromiss beruhte auf einer starken Arbeiterbewegung auf der einen Seite und einem stabilen und starken Wirtschaftswachstum des Kapitalismus auf der anderen Seite. Wie der britische His­toriker Eric Hobsbawm5 anführte, war auch die Existenz eines konkurrierenden ökonomischen Systems in Osteuropa förderlich, um den Kapitalisten einen Kompromiss akzeptabel zu machen. Dieser Kompromiss war die Grundlage für die wichtigsten Sozialreformen und Wohlfahrtsinstitutionen, die während der drei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt wurden.

In Wirklichkeit bestand der Anteil der Gewerkschaften an dem Kompromiss darin, die kapitalistische Organisation der Produktion, das Privateigentum an den Produktionsmitteln und das Recht der Arbeitgeber zur Leitung des Produktionsprozesses zu akzeptieren. Gleichzeitig garantierte der Gewerkschaftsbund sozialen Frieden und Zurückhaltung in den Lohnverhandlungen. Vereinfacht ausgedrückt waren der Wohlfahrtsstaat und die allmähliche Verbesserung der Lebensbedingungen das, was die ziemlich friedliche Gewerkschaftsbewegung im Austausch für die Aufgabe ihres sozialistischen Projekts erreichte. Heute können wir den Schluss ziehen, dass dies eine kurzfris­tige Errungenschaft unter sehr spezifischen historischen Rahmenbedingungen war.

Ein wichtiges Element des Klassenkompromisses war eine stärkere Arbeitsteilung innerhalb der Arbeiterbewegung. Die Bedingungen des Kaufs und Verkaufs der Arbeitskraft würde durch Verhandlungen von der Gewerkschaftsbewegung geregelt, während über die soziale Sicherheit außerhalb des Arbeitsprozesses von der Partei im Parlament verhandelt würde. Dies legte das Fundament für eine enger ökonomisch ausgerichtete Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung, wodurch die Gewerkschaften heutzutage geschwächt werden, während die sozialdemokratischen Parteien mehr oder weniger selbst von ihrer früheren reformistischen Politik abgekommen sind.

Der Klassenkompromiss war jedenfalls eine zerbrechliche Konstruktion. Weil eine stabile kapitalistische Ökonomie mit hohem Wachstum eine seiner Grundlagen war, wurde der Kompromiss allmählich untergraben, sobald der westliche Kapitalismus seit den frühen 1970er Jahren wieder tiefen ökonomischen Krisen ausgesetzt war. Die Krisen führten zu verstärkter Konkurrenz auf den Märkten, auf der politischen Ebene schritt der Neoliberalismus voran und die kapitalistischen Kräfte gingen in die Offensive. Dazu griffen sie die Rechte der Gewerkschaften an, drückten die Löhne und reduzierten die öffentlichen Ausgaben, also die Ökonomie des Wohlfahrtsstaates.

Mit dem Zusammenbruch der Kommandowirtschaften in Osteuropa um 1990 hatte der Kapitalismus an allen Fronten triumphiert, und der Kompromiss mit der Arbeit war nicht mehr notwendig. Die kapitalistischen Kräfte konnten ihre engen ökonomischen und politischen Interessen in einer ungehemmteren Weise verfolgen, als es ihnen in den Jahrzehnten davor möglich war. Das ist der Grund, weshalb der Klassenkompromiss (oder das Konsens-Modell) überall in Westeuropa bereits zerbrochen ist oder am Rande des Zusammenbruchs steht. Die historischen und ökonomischen Voraussetzungen für einen solchen Kompromiss sind nicht mehr gegeben, und das wichtigs­te Ergebnis dieses Kompromisses, der Wohlfahrtsstaat, gerät unter wachsenden Druck. Dabei hat in Norwegen – verglichen mit der Situation in vielen Nachbarländern – das relativ hohe Einkommen aus den Ölvorräten noch dazu beigetragen, den Druck auf den Wohlfahrtsstaat wie auch auf die Gewerkschaften und die ArbeiterInnen selbst zu dämpfen und hinauszuzögern.

Instabile Grundlagen
Weltweit werden unter dem Druck der gegenwärtigen Globalisierung der Wirtschaft – insbesondere der multinationalen Konzerne, der Finanzmärkte und der freien Kapitalbewegung – der öffentliche Sektor und die Wohlfahrtsdienste angegriffen. Obwohl Norwegen heute reicher als je zuvor in der Geschichte und in der glücklichen Lage ist, eine niedrigere Arbeitslosenquote als die meisten europäischen Länder zu haben, wachsen die sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten in der Gesellschaft. Öffentliche wie private Armut nehmen zu, parallel zu einer immer sichtbareren Fülle privaten Reichtums der Elite.

Aktuelle Forschungen haben ergeben, dass in Norwegen 70.000 Kinder unterhalb der Armutsgrenze leben – und die Zahl steigt. Gleichzeitig gibt es jeden Tag 20 neue Millionäre. Während die Durchschnittslöhne von 1995 bis 1998 um 15% stiegen, steigerten die Konzern-Bonzen ihre Einkommen um etwa 35%. Während der öffentliche Verbrauch im Zeitraum von 1993 bis 1999 um 2% pro Jahr anstieg, stieg der private Verbrauch um 3,6% jährlich. Der öffentliche Anteil am Bruttoinlandsprodukt wurde zwischen 1992 und 1999 von 52 auf 43% reduziert.

Diese beträchtliche Umverteilung des Reichtums führt selbstverständlich zu finanziellen Problemen im öffentlichen Sektor. All diese Probleme werden jedoch von den Neoliberalen dem öffentlichen Sektor selbst zugeschrieben, seiner mangelnden Produktivität und Effizienz, einschließlich des Widerstands der Gewerkschaften – und als einzige Lösung wird die Privatisierung hingestellt.

Diese Verarmung des öffentlichen Sektors erzeugt Unzufriedenheit bei den Leuten und schwächt in der Folge die Basis und die Möglichkeiten für die Aufrechterhaltung universeller öffentlicher Dienste. In einer Gesellschaft mit wachsenden Ungleichheiten werden die Reichen allmählich private Dienstleis­tungen etablieren, um die Mängel und Warteschlangen der öffentlichen zu vermeiden. Langfristig wird dies die Legitimation und die Existenz des universalistischen Wohlfahrtsstaates bedrohen. Das ist einer der Gründe, aus dem die norwegischen Gewerkschaften und andere Massenorganisationen ihre Kräfte gebündelt haben, um die Prinzipien des Wohlfahrtsstaates zu verteidigen und seine Dienstleistungen zu verbessern.

Die Plattform
Gegen Ende 1999 vereinigten sechs der größten Gewerkschaften ihre Kräfte. Es wurde eine politische Plattform entwi­ckelt, in der der Kampf für den Wohlfahrtsstaat in einer weiteren und globalen Perspektive gesehen wird. »Wir erlebten, dass neoliberale Politik national wie international voranschritt. Durch Deregulierung, Privatisierung und Konkurrenzangebote wurden öffentliche Dienste, demokratische Gestaltung und Kontrolle geschwächt. International wurden Volkswirtschaften durch Finanzspekulationen erschüttert. Marktkräfte wurden auf Kosten öffentlicher Regelungen gestärkt. Dies führte zur Entwicklung wachsender Ungleichheiten in der Gesellschaft, zu Angriffen auf Wohlfahrt und öffentliche Dienste und zu rücksichtsloser Ausbeutung von Ressourcen und Umwelt.«

Das Bündnis betont, dass es nicht jeden Aspekt des gegenwärtigen Wohlfahrtsstaates verteidigt, insbesondere weil er den Einwohnern nicht in der Weise dient, wie er es sollte. Es gibt viele Mängel, »schwer zugängliche öffentliche Dienste, mangelhafte Pflege und Wohlfahrtsdienste, die nicht jeden erreichen. Es ist deshalb notwendig, den Wohlfahrtsstaat zu stärken und weiter auszubauen.« Dies ist der Grund, weshalb das Bündnis die Notwendigkeit hervorhebt, sich mit den Nutzern der öffentlichen Dienste zu verbünden. Es gibt auch die Antwort auf rechte politische Kräfte, die ständig versuchen, nach der Methode »teile und herrsche« Produzenten und Nutzer öffentlicher Dienste zu spalten und dabei jeden gewerkschaftlichen Kampf zur Verteidigung öffentlicher Dienste als »einen Kampf für ihre eigenen Sonderinteressen auf Kosten der Nutzer« darzustellen.

Die Plattform stellt ferner fest, dass »wir … vor einem entscheidenden Kampf für die öffentlichen Dienste und die demokratische Regierung unserer Gesellschaft stehen. Der Kampf geht um die Erhaltung eines starken öffentlichen Sektors und den Aufbau einer Gesellschaft, die die Herausforderungen der Umwelt ernst nimmt. Wir erleben eine Umverteilung des Reichtums von öffentlich zu privat, und die öffentlichen Haushalte werden unter zunehmenden Druck gesetzt. Der Kampf geht darum, was für eine Art von Gesellschaft wir für die Zukunft aufbauen wollen. Der Kampf gegen Privatisierung und Konkurrenzangebote ist eine Verteidigung des Wohlfahrtsstaates, für eine gerechte und gleiche Verteilung.«

Die Plattform fasst ihre politische Position in folgenden acht Punkten zusammen:

* »Wir unterstützen den Umbau des öffentlichen Sektors auf der Basis der Sicherheit und der Motivation der Beschäftigten, und nutzen dabei ihre Erfahrungen, ihre Kreativität und ihr Wissen um die Bedürfnisse der Nutzer.
* Wir treten ein für die Prinzipien des Wohlfahrtsstaates und lehnen eine Rückkehr zu Bedürftigkeitsprüfung und das Untergraben erworbener Rechte ab. Wir werden deshalb gegen die Entwicklung von Ungleichheit und wachsende Armut in der Gesellschaft ankämpfen.
* Wir unterstützen die demokratische Leitung und Kontrolle öffentlicher Einrichtungen und Mittel und bekämpfen die Übertragung wichtiger öffentlicher Aufgaben an die Marktkräfte.
* Wir lehnen die gegenwärtige Globalisierung der Wirtschaft, die auf Liberalisierung, Deregulierung und freiem Kapitalverkehr beruht, ab. Wir fordern Aktionen gegen Finanzspekulation und die Begrenzung der enormen Macht multinationaler Unternehmen.
* Wir unterstützen den Kampf für eine gerechte Verteilung der Ressourcen der Welt.
* Wir leisten Widerstand gegen die Tendenz, öffentliche Monopole mit Unterstützung multinationaler Konzerne in private Monopole zu überführen.
* Wir lehnen Konkurrenz zu öffentlichen Diensten ab, die auch als ein Mittel eingesetzt wird, um die Löhne und Arbeitsbedingungen der Beschäftigten zu untergraben.
* Wir kämpfen für eine angemessene Finanzausstattung der öffentlichen Dienste. Es ist unakzeptabel, dass privater Reichtum und öffentliche Armut sich Seite an Seite entwickeln in einer Gesellschaft, die reicher ist als je zuvor.«

Auf der Grundlage dieser Plattform zielt die Kampagne darauf, ein Bündnis aufzubauen, das stark genug ist, um eine alternative Politik voranzutreiben. Sie erkennt, dass nur ein breit vom Volk getragenes Bündnis in der Lage sein wird, der gegenwärtigen Offensive der Marktkräfte etwas entgegenzusetzen. Die Perspektive muss internationalistisch sein, aber die Hauptaufgabe der norwegischen Gewerkschaften besteht darin, den Kampf auf der nationalen Ebene zu organisieren.

Zukunftspläne
Das erste Jahr der Wohlfahrtskampagne wurde hauptsächlich dazu genutzt, das Bündnis aufzubauen und zu verstärken. Die Resonanz war überwältigend und übertraf selbst die optimistischsten Erwartungen der Gründer bei weitem. Das Bündnis traf aber auch auf Opposition und Kritik innerhalb des Norwegischen Gewerkschaftsbundes (LO), sowohl wegen der Einbeziehung von Nicht-LO-Gewerkschaften in das Bündnis als auch wegen des »nicht hinreichenden Verständnisses der wichtigen Rolle des privaten Sektors«, wie es einige Bosse von Gewerkschaften des Privatsektors ausdrückten. Diese Kritik beruhigte sich jedoch, als mehrere Gewerkschaften aus dem Privatsektor dem Bündnis beitraten.8 Sie haben begriffen, dass der Kampf für den Wohlfahrtsstaat nicht nur eine Aufgabe der Beschäftigten des öffentlichen Sektors ist, sondern im Interesse aller ArbeiterInnen liegt.

Das Bündnis wurde auf höchster nationaler Ebene initiiert und zuerst und in erster Linie dort aufgebaut. Dies ist zugleich die Stärke und die Schwäche des Bündnisses. Die Stärke, weil es eine starke und weitgehende Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen ökonomischen und politischen Entwicklung in Norwegen (und international) widerspiegelt und die Basis für örtlichen und koordinierten Widerstand legt. Die Schwäche, weil es nicht aus einer realen Basisbewegung hervorgegangen ist und ein großer Teil der Mitglieder noch nicht mobilisiert ist. Es kann mit anderen Worten in die Gefahr geraten, zu einem von oben nach unten bürokratisch strukturierten Gebilde zu werden.

Deshalb hat der Aufbau regionaler und örtlicher Zweige der Kampagne Priorität, um das Bündnis zu einer wirklichen landesweiten Bewegung zu machen. In den meisten Regionen und in mehreren Gemeinden sind solche Zweige bereits gegründet worden – in einer flexiblen Art und Weise, bei der die Leute den Schwerpunkt mehr auf Aktivitäten legen sollen als auf Sitzungen und Formalitäten. Außer der Unterstützung der politischen Plattform des Bündnisses gibt es keine formalen Anforderungen. Örtliche Zweige sind zum Beispiel frei in der Wahl ihrer Organisationsformen.

Ein elektronischer Rundbrief wird an alle versandt, die ihn erhalten möchten, und eine Website ist in Planung. Ein Dokument unter dem Titel »Wir fordern eine Umverteilung des Reichtums zugunsten des Wohlfahrtsstaates« wurde entwickelt und an die Regierungsmitglieder sowie die politischen Parteien im Parlament verteilt. Zu einem Schwerpunkt hat sich die »Brutalisierung der Arbeit« entwickelt, mit dem die Kampagne die Tatsache politisieren will, dass aufgrund der gesteigerten Ausbeutung der Arbeit und der schnellen und unsozialen Umstrukturierung privater ebenso wie öffentlicher Unternehmen Erwerbsunfähigkeit und Frühverrentung in den letzten Jahren erheblich zugenommen haben.

Das Bündnis wurde gegründet, als eine Minderheitskoalition der Mitte regierte. Einige Monate später kam jedoch eine sozialdemokratische Minderheitsregierung an die Macht. Dies könnte zu Problemen führen, weil mehrere Führer von Gewerkschaften und auch anderen Organisationen, die an dem Bündnis beteiligt sind, Mitglieder – und sogar hochrangige Funktionäre – der Sozialdemokratischen Partei sind. Sie werden jetzt von beiden Seiten unter Druck gesetzt. Die Sozialdemokratische Partei befindet sich im Prozess der Polarisierung zwischen einer neuen Generation so genannter »Modernisierer«, die wenig Einwände gegen Privatisierung haben, und Leuten mit einer kritischeren Sicht der privatisierten, freien Marktwirtschaft. Da die Gewerkschaftsbewegung in Norwegen, anders als die britischen Gewerkschaften unter Thatcher, noch nicht besiegt ist, werden die norwegischen Modernisierer viel mehr Probleme als Tony Blair in Großbritannien haben, die Partei nach rechts zu bewegen. Das neue Bündnis »Für den Wohlfahrtsstaat« könnte dabei tatsächlich bedeutsam sein.

Es sind aufregende Zeiten in Norwegen in diesen Tagen. Es gibt Probleme, aber es gibt auch viel Enthusiasmus, Leute die anrufen, um ihre Dienste anzubieten, den Aufbau neuer örtlicher Zweige, Unterschriftensammlungen zur Unterstützung der Kampagne in Bildungseinrichtungen, die Vorbereitung von Initiativen von Jugend für den Wohlfahrtsstaat und so weiter. Wenn das Bündnis erfolgreich ist, könnte es sich zu einer wirklichen und einflussreichen Volksbewegung entwickeln. Die Zeit ist reif für Widerstand.

Asbjørn Wahl ist Sekretär des Komitee »For velferdsstaten« in Oslo. Aus dem Englischen von Ralf Krämer.

(Article in the German Magazin Sozialismus 11/2001.)

Anmerkungen
1 »For velferdsstaten« auf Norwegisch.
2 Die Gewerkschaften waren, in der Reihenfolge ihrer Größe: Die Norwegische Gewerkschaft der Kommunalbeschäftigten, die Norwegische Lehrergewerkschaft, die Norwegische KrankenpflegerInnen-Vereinigung, die Norwegische Vereinigung des Gesundheits- und Sozialpflege-Personals, die Norwegische Zivildienstgewerkschaft und die Norwegische Gewerkschaft der Sozialpädagogen und Sozialarbeiter.
3 Der Bund der Akademiker- und Fachleute-Gewerkschaften (AF) hat sich kürzlich gespalten. Die höchstqualifizierten Akademiker traten aus und gründeten den Zusammenschluss Norwegischer Fachleute-Vereinigungen und die verbliebenen Gewerkschaften(von denen die überwiegende Mehrheit aus KrankenpflegerInnen und LehrerInnen bestand) haben alle zusammen beschlossen, den AF abzuschaffen.
4 Schweden überschritt in den 1980ern eine Zeitlang sogar 70 Prozent.
5 Vgl. Eric Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme, Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München 1995.
6 Dies wurde von Führern der Arbeiterbewegung allerdings nur selten, ansatzweise und indirekt ausgedrückt. Normalerweise wurde sozialis­tische Rhetorik eingesetzt, insbesondere während der ersten Jahre der Klassenkooperation, allerdings mehr in den Gewerkschaften als in der sozialdemokratischen Partei, weil an der Basis sozialistische Neigungen immer noch stark waren. Die anhaltende Hauptkonsequenz der Politik des Klassenkompromisses war jedoch die Entpolitisierung und Entradikalisierung der Arbeiterklasse.
7 Zitiert aus der politischen Plattform der Kampagne.
8 Diese sind: Norwegische Transportarbeiter-Gewerkschaft, Hotel- und Gaststättenarbeiter-Gewerkschaft in Norwegen, Norwegische Gewerkschaft der Öl- und Petrochemiearbeiter, Elektriker- und IT-Arbeiter-Gewerkschaft in Norwegen, Norwegische kaufmännische und Bürobeschäftigten-Gewerkschaft und die Vereinigung der Ölarbeiter in Norwegen.

Illustrasjon